Le Rhône

am 7.7. stehe ich pünktlich an der Haltestelle der Tram , mit der Birgit ankommt. Ich freue mich sehr! Sie muss schon am 13. 7 wieder zu Hause sein….wie hoffen auf ein bißchen Glück! Wir haben an der Ostsee mit Bodo gemeinsam begonnen – wie schön wäre es, wenn wir auch das Ziel gemeinsam erreichen könnten.

Die Rhône entspringt in den Schweizer Alpen, fließt durch den Genfer See und bahnt sich dann ihren Weg bis Südfrankreich, prägt durch ihre Verzweigungen die Sumpflandschaft (Mücken und Pferde!) der Camargue und mündet schließlich ins Mittelmeer. Da wollen wir hin! Von ihren 812 km Länge müssen wir 321 fahren – mit einer Strömung von 3 – 5 km/h sollten wir schnell vorankommen – sofern wir nicht vom Mistral überrascht werden, einem sehr heftigen Nordwind, der besonders im Rhonetal beschleunigt und für steile Wellen sorgt. Vom Flussfahren wird dann abgeraten! Ich bin aufgeregt und auch etwas angespannt – zu sehr ist mir der Rhein in Erinnerung geblieben – und da waren wir meist zu dritt und hatten ein AIS. Aber: ohne Rhône gibts kein Mittelmeer, also muss ich da durch…🤷🏻‍♀️!

Wir trinken noch einen Petit Café, Birgit packt kurz ihre Sachen aus und wir beschließen um 12.30 zu starten: nur 40 km bis Condrieu, um schonmal einen Eindruck und ein Gefühl für den Fluss zu bekommen. Gesagt, getan! Nach 1 km auf der Saone kommen wir zur Confluence, die Strömung nimmt zu und schon sind wir unterwegs auf der Rhône und bereiten uns auf die erste Schleuse vor: viele Fender, Fensterbrett, mit Schleusenwärter kommunizieren, feststellen, dass wir nix, aber auch gar nix über das VHF Funkgerät verstehen… Alle Schleusen sind jetzt riesig, die Höhe meist ca. 12 m, die kleinste hat 8,60, die höchste knapp 23m. es ist wie ein Hinabfahren in ein Verlies, aber auch: in den Schatten – in Frankreich herrscht immer noch eine Gluthitze!

Bei der ersten Schleuse haben wir totales Glück: der Schleusenwärter nimmt alle Daten auf (wo wollen wir hin, wie heißt das Boot, wie lang ist es, waren wir schonmal auf der Rhône (NEIN!)) und schleust Mawi und uns dann ganz alleine. Es gibt automatische Poller, um die die Leinen (2 sind hier Pflicht, Rettungswesten auch) gelegt werden, dann fährt der Poller mit herunter – wir müssen nur dasitzen und halten. Einfacher, als gedacht. Am Ende wird uns zu unserer ersten Rhôneschleuse gratuliert, sehr nett! Unter dem Link: http://www.inforhône.fr kann der Betrieb an den Schleusen nachgeschaut werden, und wirklich: kaum 3 Minuten später ist unser Boot gezählt: wir sind das erste Pleasureboot des Tages :)!

erste Rhoneschleuse

So langsam entspanne ich etwas – Birgit steuert gern und ich kann endlich mal einfach dasitzen und gucken! Es gibt weniger Frachter als gedacht und mit der Strömung kommen wir schnell voran. Leider funktioniert am Kartenplottenr die Geschwindigkeitsanzeige nicht, da bei dem Versuch das AIS zu reparieren alles zurückgesetzt wurde. Wir gucken in die Bedienungsanleitung und befragen KI, aber wir kriegen es nicht hin. Also stoppe ich die Zeit zwischen zwei km-Angaben und rechne: 7,3 Knoten/h (13,5km/h). Super – unsere Laune ist prima!

Die 2. Schleuse kommt überraschend – hatten wir auf der Karte übersehen. Aber auch die meistern wir wunderbar und legen gegen 16.30 in der Marina Condrieus an: netter Empfang, gute Duschen, es ist immer noch brüllend heiß! Abends Tapas – viel zu sehen gibt es nicht.

8.7.2026

Heute wollen wir bis Valence kommen – das sind etwa 80 km, 3 Schleusen à ca. 12m Hub! Start 9.00, der Beginn ist easy. Die erste Schleuse ist voller Äste und dicken Holzstämmen – wir werden per Megaphone auf Französisch, Englisch und Deutsch darauf aufmerksam gemacht, dass sich ein dicker Stamm unter unserem Heck befindet. Wie gut, wir hatten immer nur nach vorn geschaut und den Weg zum Teil mit dem Bootshaken gebahnt! Zweite Schleuse problemlos, in die dritte mit Vollspeed, da ein Frachter extra auf uns wartete…

Gegen Mittag frischt der Wind auf und wird immer stärker. Schaumkronen! Wellen! Für die Marina müssen wir auf die andere Seite des Flusses und gegen die Strömung drehen, bei Wind und Welle sehr unangenehm! Aber geschafft! Abends zu ko, um bei der Hitze den Ort zu erkunden – schade… Statt dessen Ravioli an Bord – Valence müssen wir ein anderes Mal anschauen…..

Was schneller geht als gedacht…

9.7.2016

…denn am nächsten Tag hat der Mistral nochmal tüchtig zugelegt:

So ein Mist! Wir überlegen hin und her, entscheiden uns aber zum Glück für die sichere Variante und bleiben an Ort und Stelle. Das Mittelmeer rückt in die Ferne, Birgit hat zu wenig Zeit.und der Mistral dauert normalerweise 2 – 3 Tage. Wir verbringen mindestens 2 Stunden mit verschiedenen Windprognosen – immerhin soll es bereits am Nachmittag besser werden.

Also heute Valence! 45 Minuten durch die Hitze, dann sind wir in einem supernetten Städtchen, gehen bummeln und leisten uns Gazpacho und gemischten Salat.

Valence

Am Nachmittag windet es zwar noch, aber wir beschließen noch 3 Stunden weiter zu fahren. Haben schon Strom und 2 Leinen los, als uns davon sehr abgeraten wird – wir machen alles wieder fest und gehen zum Hafenmeister, um uns für noch eine Nacht anzumelden. Ich frage natürlich nach den Windprognosen….er meint, dass wir nachmittags hätten losfahren können – egal, jetzt ist es zu spät und wir bleiben. Ein Mitarbeiter gibt mir noch ein französisches Sprichwort mit auf den Weg: „Qui regarde trop la météo reste au bistrot!“ (wer zuviel den Wetterbericht anschaut, bleibt im Bistro sitzen) Aber wir sind ja schließlich das erste Mal hier, also lieber etwas vorsichtig! Wir haben das Mittelmeer als Ziel noch nicht aufgegeben und wollen am nächsten Morgen früh starten.

10.7.2025

Früh heißt SEHR FRÜH – wenn um 5.15 der Wecker klingelt, ist das nicht meine Uhrzeit. Birgits auch nicht! Aber wir quälen uns brav zu unserem Kaffee, denn der Wind ist weg und die Rhône fast spiegelglatt. Wir wollen sehen, wie weit wir kommen, im Geheimen habe ich ja Avignon im Sinn…

Sonnenaufgang

Leider grummeln unsere Bäuche und Birgit hat immer wieder Bauchkrämpfe. In meinem Medikamentenschrank finde ich ein Mittel dagegen, hilft aber nur ein bißchen. Und es ist heiß!!!!! Meinen Geheimplan müssen wir streichen, aber wir schaffen 102 km und knacken die 200km Marke. Und passieren die Schleuse Bollène, mit 22 – 23m eine der tiefsten Schleusen Frankreichs. Sehr beeindruckend, zumal die kleine Mawi alleine geschleust wird.

Schleuse von Bollène

Nach 9 Stunden Fahrt legen wir an: Birgit geht es nicht gut, es ist Gewitterwarnung und am Himmel bilden sich zunehmend bedrohlich aussehende Wolkenformationen. Wir finden einen Halte fluviale (davon gibt es auf der Rhône nur sehr wenige) in St. Etienne des Sorts, laut Internet ein Ort mit ca. 500 Einwohnern.

St. Etienne des sorts – Halte fluviale

Birgit schläft eine Runde, dann geht es ihr besser und wir besichtigen den Ort: geht schnell! Erstes Restaurant geschlossen, zweites ebenfalls – laut Google Maps gibt es noch ein drittes 800m stromaufwärts. Tatsächlich! Das gibt es! Und ist auch noch richtig nett! Sieht aus wie ein Strandlokal in Thailand oder Indien und hat sogar Sprühnebel zur Abkühlung. Perfekt! Leider sind wir zu müde um das Fussballspiel um 21.00 anzuschauen und sind zeitig wieder am Boot. Vor uns hat sich noch ein recht kleines Segelboot gelegt und ich bekomme ein schlechtes Gewissen, da wir genau in der Mitte des Pontons liegen. Wir bieten an, Mawi zurückzuziehen, aber müssen wir nicht – keine abendliche Leinenaktion mehr, wie fein!

11.7.2026

7.30 (immerhin nicht 6.00) Leinen los – wir wollen früh in Avignon sein! Aber heute ist Schleusenwartetag!!! Vor der ersten dümpeln wir ewig rum und fahren Kreise, an der zweiten müssen wir anlegen und 2 Schleusungen (jeweils hoch und runter, also eigentlich vier) abwarten. Aber der Schleusenwärter ist nett und ausnahmsweise auch mal kommunikativ , das ist eher selten (Birgit und ich planen schon einen Workshop: Kommunikation, Organisation und Sprachkompetenz für Schleusenwärter:innen :)).

Also warten wir brav und verlieren etwa 2 Stunden, kommen aber trotzdem schon gegen 14.00 in Avignon an, noch gut vor der für heute recht sicher angekündigten Gewitterwarnung ab 16.00. Wir fahren einen alten Rhônearm 3 km stromaufwärts, den Papstpalast als überragenden Bau der Stadt genau vor uns (1309 -1377 war hier die Hauptresidenz von sieben Päpsten – das avignonesische Exil) und die vielbesungene „Sur le Pont Avignon“(wirklicher Name: Pont Saint Bénezet) umrundend. Durchfahrt verboten!

Papstpalast
„Sur le Pont d´Avignon, on y danse, on y danse….“

Wir legen an und gehen erstmal duschen – es ist sehr heiß! Die Dusche ist in Zimmer 10 eines riesigen für Tourist:innen umgebauten Frachters. Super! Wir haben das komplette Zimmer und ich stelle die Klimaanlage an. Sehr erfrischend!

Dann erkunden wir Avignon – die Stadt ist – salopp ausgedrückt – der Hammer! Im Juli ist jedes Jahr 3 Wochen lang ein international bekanntes Theaterfestival und da sind wir nun mitten drin. Überall Plakate der verschiedenen Aufführungen, Straßenmusiker:innen, kostümierte Schauspieler und Schauspielerinnen, die jeweils Reklame für ihre Stücke machen… Es ist bunt, lebensfroh, gefüllt mit guter Stimmung und wir sind total begeistert! Hier müssen wir nochmal hin! Wir werden zig Mal angesprochen und sammeln die Reklamekarten der verschiedenen Performances. Es ist alles dabei: Klassik, Moderne, Feminismus, Comédie, absurdes Theater, Cirque, Tanz, politische Spektakel – einfach alles! Und dazu superschöne alte Gassen mit südfranzösischer Architektur!

Theater überall!
auch am Papstpalast Theater….

Wir lassen es uns gutgehen: essen Eis, trinken einen Mojito und wollen eigentlich in ein Lokal mit lokaler saisonaler Küche : „O´Papilles“, aber die haben trotz Reservierung nur noch einen Tisch drinnen und das wollen wir nicht. Letztlich landen wir so gar nicht französisch bei einem Chinesen, auch lecker! Wegen einer dunklen Wolkenwand verlassen wir gegen 21.00 etwas fluchtartig das Lokal und gehen trotz des Schleppens eines Sixpacks Wasser im Sauseschritt zurück zum Boot. das Gewitter bleibt fern und wir sehen nur die Blitze. ..Abkühlen tut es auch nicht! Ein Italiener kommt zu unserem Boot und findet alles phantastisch (wir ja heute auch) – er will Mawi fotografieren, darf er! Ich würde gerne wissen in welchen Ländern Fotos von Mawi gespeichert sind – fotografiert wurde auf dem Weg gen Süden oft!

Sicher ist: Avignon sieht uns wieder! Das Theaterfestival auch!

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