Bis Vitry-le-Francois wollen wir kommen…

Birgit will mich ja voranbringen….und wir überlegen, wie weit wir es noch schaffen können….3 Fahrtage verbleiben uns. Ich maile die Marina in Vitry-le-Francois an – sie soll laut Recherchen versandet sein, aber nett! Nochmal steckenbleiben ist wahrlich keine Option. Aber erstmal weiter….

31.5.2026

Pausentag vorbei. Schnell noch frisches Baguette gekauft – köstlich! – und alles für den 3 km langen Tunnel vorbereitet. Ein paar Nüsse an Deck, genügend Wasser und den Scheinwerfer…ich bin ja so gar keine Tunnelliebhaberin! Zu eng, keine Außenverbindung, zu dunkel!!! Nach 3 eher unaufgeregten Schleusen ist es so weit: eine Ampel schaltet auf grün und wir fahren hinein. Aber was für ein Luxus: der Tunnel ist hoch, belüftet und beleuchtet, hat sogar einen Treidelpfad an der Seite, sodass wir Mawi zur Not sogar ziehen könnten. Und wir sehen das Ende! Ich entspanne zunehmend!

Nach einer halben Stunde sind wir durch und ich finde plötzlich Tunnel nicht mehr sooo schlimm! Immerhin wartet noch ein fast doppelt so langer auf mich!

Schon um 15.00 erreichen wir unser Tagesziel: Conde. Wir überlegen weiterzufahren, entscheiden uns aber dagegen. Gute Entscheidung – wir sind müde und haben Hunger! Nach einer kleinen Brotzeit erkunden wir statt dessen den Ort: es gibt NICHTS! Noch nichtmal eine Kneipe oder eine Boulangerie. Einzig spektakulär: ein Pizza Distributeur :)!

Pizza 24/7
und eine romanische Kirche mit auffallendem Turm

1.6.2026

Heute wollen wir „nur“ bis Chalons-en-Champage und starten erst um 10.00. Bei 2 Richtungsmöglichkeiten hat man/frau ja die 50% Chance sich zu verfahren – wir ergreifen sie beherzt!!! Das Wetter ist so schön, die Farben funkeln, wir haben nur 3 Schleusen vor uns und….ich tuckere einfach hinter den Booten her, die bereits gestartet sind und biege nach rechts ab. Wir genießen die Fahrt total – es ist bisher der schönste Tag! Und viel klareres Wasser – wenig Vergrasung!

Was wir nicht tun:

  • auf den Kompass schauen
  • die km – Angaben auf dem Plotter lesen
  • die Umgebung mit der Karte abgleichen
  • den Sonnenstand einordnen
  • uns wundern, dass nach 2 Schleusen eine hübsche Marina auftaucht, von der wir gar keine Kenntnis hatten

Und so sind wir ziemlich überrascht, dass nach der 3. Schleuse nicht wie erwartet Chalons-en-Champagne auftaucht, sondern weiterhin allerhübscheste Landschaft an uns vorbeigeleitet. Ich schaue (endlich!) auf die km-Angabe auf dem Plotter: 63 steht da. Aber das habe ich ja ohne Lesebrille gelesen – stimmt also wohl nicht. Wir wollten ja km 33 erreichen! Ich bitte also Birgit mit Lesebrille meinen vermeintlichen Irrtum zu bestätigen, aber: es ist wirklich PK 63! Wir sind falsch und fahren gen Norden…

Der Tag ist zum Glück zu schön um uns aufzuregen. Kurz entschlossen ändern wir alle Pläne und beschließen heute in die hübsche Marina, die wir des Weges gesehen hatten, zu fahren, Vitry als Ziel für Birgit zu streichen und Chalons-en-Champagne am Folgetag anzulaufen.

Ich mache eine rasante Drehung auf dem dafür eigentlich viel zu engen Kanal und kurze Zeit und eine Schleuse später legen wir in Mareuil sur Ay an. Superschön – die hätten wir ohne unseren Verfahrer gar nicht gesehen. Strom und Wasser über die uns schon bekannte komplizierte App – funktioniert! Beim Duschen von Mawi mit meinem Gartenschlauch entdecke ich 2 Kratzspuren an der Steuerbordseite, zum Glück nur oberflächlich und bestimmt in einer Schleuse passiert. Zur Sicherheit kleben wir Tesa drüber.

Der Ort ist richtig hübsch – Geld gibt es offensichtlich durch genügend Champagnerverkauf. Hier gibt es etliche berühmte Champagnerkellereien. Wir sehen endlich auch die endlosen mit Wein bewachsenen Hügel…und betreten ein Champagnerhaus mit lauschigem Garten. Wie eine andere Welt! Für 15 Euro können 3 Sorten Champagner à 0,05ccl verkostet werden – aber leider schließt das Gut und wir müssen den schönen Garten verlassen und kaufen nichts.

Entrée
viele Sorten Champagner – nur halb so teuer, wie in Deutschland – aber immer noch zu einem stolzen Preis

Also zur Dorfkneipe und „Bierverkostung“. Ich bestelle ein normales „Blonde“, Birgit ein mexikanisches „Desperatu“ mit Limone – besser bei der Hitze. Abendessen an Bord und uns mehrfach mit schallendem Gelächter über unseren „Verfahrer“ erheitert….Wie konnten wir nur sooo viele Zeichen übersehen? 😂

2.6.2026

Mein letzter Fahrtag mit Birgit! 2 plus 3 Schleusen und eine bewegliche Brücke liegen vor uns. Wir starten früh, denn selbst Herr Kachelmann (Leiter des privaten Wetterdienstes kachelmannwetter.com) sagt, dass es ab 14.00 Gewitter geben kann. Also drücken wir auf die Düse und Mawi fliegt mit 5,6 Knoten durch den Kanal zurück. Der Kompass stimmt diesmal: wir fahren wieder gen Süden. Schnell sind wir zurück in Conde, dann weiter Richtung Chalons-en-Champagene. Wir schleusen jetzt wieder hoch!

Schon sehr bald erreichen wir die 3. Schleuse hinter der dann diesmal tatsächlich die Stadt beginnen soll. Schon bei der Einfahrt wissen wir: das ist keine angenehme Schleuse. Sie ist eigentlich nur für Frachter gemacht, für Sport- und Freizeitboote gibt es nur ganz vorne – also dort, wo dann das Wasser einfließen wird – eine Leiter. Die Stange für die Auslösung der Schleusen können wir nur erreichen, wenn eine von uns aus dem Boot klettert. Und so weit vorne gibt es meist Turbulenzen. Ich stelle mir kurz vor, dass Birgit das Boot von oben nach hinten zieht, habe dabei aber leider vergessen, dass sie ja auch wieder an Bord muss. Also bleiben wir vorne, allerdings weiter oben an einem Poller. Fehler! leine damit sehr lang! Birgit bedient die Schleusung und klettert schnell wieder an Bord. Sturmflutartig kommt das Wasser, Mawi kommt in einen Sog nach vorne, Birgit kann kaum die Leine halten und ich stemme mit voller Kraft mittels Bootshaken Mawi von der Wand weg. Gelingt trotz komplett eingesetzten Körpergewichts nur manchmal und es kommt zu knirschenden Geräuschen. Inzwischen ist Mawi in der Mitte, eng an der Schleusenwand war kein Halten mehr möglich. Wir knallen wechselnd mit Heck und Backbordseite an die Wand, es ist nur noch furchtbar. Einzige Hoffnung: irgendwann sind wir oben und es hört auf! Tut es auch. Ich wage gar nicht mein Backbordlicht anzuschauen (später geschaut – hat Kratzspuren, ist aber nicht zerbrochen)- muss erstmal mein vor Kraftanstrengung aufgetretenes Muskelzittern wieder in den Griff bekommen. Völlig fertig fahren wir aus der Schleuse – direkt dahinter ist die Marina von Chalons-en-Champagne.

am nächsten Tag fotografiert….

Aber ich kann gerade nicht anlegen – muss mich erst erholen. Wir legen mit Leinenhilfe eines Iren an einem Ufer längsseits mit einer Leine an und halten kurz inne. Außerdem laufe ich am Ufer lang um in der kleinen Marina einen Platz zu finden. Wir haben Glück: es gibt noch einen und ich traue mich inzwischen wieder…. Kurz vor dem ersten Gewitter und Starkregen sind alle Leinen fest- Glück gehabt. Und nicht nur damit: es gibt eine Waschmaschine, eine heiße! Dusche, nette Nachbarn auf einem kleinen renovierungsbedürftigen Segelboot und – zur Versüßung meiner Wartezeit auf die nächsten Mitreisenden – ein Festival von Zirkus und Straßentheater. Da hat unser Faux-pas des Vortages mal wieder zu etwas Gutem geführt!

Nach dem Regen besuchen wir den Ort, treffen auf einen netten Multikulti-Kinderchor vor dem Rathaus und kaufen Birgits Mitbringsel für zu Hause ein: Käse und zuckerfreie Gürkchen von „Maille“. Außerdem 2 kleine Weingläser für Mawi, denn wir haben für den letzten Abend unsere in Sillery erworbene Flasche Champagner in die Kühlbox gestellt.

Kinderchor vor dem Hotel de la Ville

Unser Aperitif schmeckt uns in den neuen Gläsern :):

Zum Essen gehen wir zum Festivalzelt, dort gibt es eine Plate du jour für 15 Euro – unser Bootsnachbar und die Hafenmeisterin hatten eine Empfehlung ausgesprochen.

Festival

Wieder auf Mawi noch ewig überlegt, was wir in der Schleuse hätten besser machen können…:VNF anrufen? , Boot nach hinten verholen und nur eine Person verbleibt an Bord? 2. Leine mit nach oben und über einen Poller weiter hinten, Leiterleine nach Birgits Rückkehr an Bord schnell ab und Rückwärtsgang? Wir wissen es nicht. Klar ist, dass ich solche Schleusen nicht alleine fahren kann. Zudem schmerzen meine ehemals gebrochene Hand und meine Finger: Kraftanstrengung und Wetterumschwung! Die🐑🥶 hat uns erreicht!

3.6.2026

Nach einem letzten Filterkaffee bringe ich Birgit noch ein Stück des Weges zum Bahnhof – ich hoffe sehr, dass sie bald wiederkommt: wir sind ein optimistisches und gut gelauntes Team! Etwas wehmütig betrachte ich all die Dinge, die sie an Bord gebracht hat: ein buntes Bootsarmband für mich, eine Seifenablage, aus Holz, einen phantastischen Giraffenhaken für unsere Jacken, eine ultraleichte Haarbürste und Pfisterbrot – das ist aber aufgegessen….

Nach Croissant und einem weiteren Kaffee kommen die üblichen Aufräumarbeiten: Waschmaschine, staubsaugen., Bad putzen, Bett neu beziehen…..und natürlich heiß duschen! Formidable!!! Noch ein längerer Spaziergang, den Abend gemütlich telefonierend auf Mawi verbracht.

4.6.2026

Kaum bin ich irgendwo, habe ich Termine :): 11.00 Frisör, 12.50 Pediküre, 16.00 Französischunterricht, 17.30 Einladung zum Aperitif von Relais nautique de l´Anse du Jard anlässlich des Festivals. Und da es zwischendurch immer gewittert und regnet, machen irgendwelche Bootspflegeaktivitäten auch wenig Sinn.

Nach den ersten beiden Terminen fühle ich mich deutlich geschönt – hat die Frisörin doch Licht in das Gezottel bringen können und den von mir schief geschnittenen ruinierten Pony wieder gerichtet. Auch die Pediküre war großartig: Relaxmusik, kleine Kabine mit Liege, am Ende gepflegte und knallrote Fußnägel :)! Im Französischunterricht (Plattform Preply.com) erzähle ich Christian alle Abendteuer und lerne mehr über „y“, „en“ und dass Kompass auf französisch „la boussole“ heißt. Jetzt noch zum Aperitif, dann will ich nochmal beim Festival vorbeischauen. Das ist wegen des Wetters leider nicht sehr gut besucht: die armen Artisten!

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