27.5.2026
Wecker steht auf 8.00 – die Schleusen machen erst um 9.00 auf und außer Kaffee sind wir beide keine Frühfrühstückerinnen…
Birgit war ja schon oft an Bord – wir sind eingespielt und wollen es bis zum Abzweig gen Süden nach Berry au Bac schaffen -den vergrasten Ardennenkanal hinter uns lassen…. es ist hier wirklich so, als führe das Boot über Land. Mehrfach müssen wir vor und zurück, um Gewächse aus der Schraube zu bekommen. Sieben Schleusen liegen vor uns, zweimal schleusen wir zu dritt: eine Herausforderung….insbesondere, weil unsere Leinenlänge kaum bis oben reicht. Ein netter Holländer hat dann unsere eine Leine mit festgehalten. Die Schleusen sind sehr hoch und oben einen Poller zu treffen ein wahres Kunststück….
Den viel gelobten Anleger in Berry au Bacs großem Becken (da treffen sich 3 Kanäle) gibt es nicht, andere Freizeitboote auch nicht. Mühsam eine Stelle im Parkverbot gesucht…dann hat Birgit das Boot heroisch zurückgezogen. Etwas erschöpft haben wir es zu Fuß nur noch zu einer Mülltonne geschafft, die hinter einem Zaun lag – kleine Kletteraktion.

28.5.2026
Heute wollen wir es bis Reims schaffen….Als erstes ein Stück zurück gefahren, denn an der Stange, die wir für die Schleuse betätigen müssen, sind wir gestern schon vorbei…Perfektes Drehmanöver, rückwärts Stange erreicht, nochmal gedreht und wumms ….wir stecken fest! Kann nicht wahr sein! Vorwärts, rückwärts, vorwärts, rückwärts – anstatt dass wir uns befreien, sinkt das Heck immer tiefer in den Schlamm, der tüchtig aufgewirbelt wird….



Kurze Zeit später kommt ein kleines Motorboot, und versucht, uns herauszuziehen – leider erfolglos! Also rufe ich VNF an und schildere die Situation, sie wollen kommen, aber es würde dauertn..Reims ade? Ich mache mir Sorgen, weil das Heck immer tiefer in den Schlamm sinkt und die Wasserlinie näher kommt, nicht schön! Wir warten 1 Stunde und rufen dann noch mal an., ja, ja….Hilfe sei auf dem Weg…. weitere 10 Minuten später kommt die Hilfe mit drei Autos, aber ohne Boot…. sie machen sich vom Rand des Kanals lustig und meinen, wir könnten ja schwimmen. Wollen wir nicht! Dann fahren Sie wieder ab und versprechen, sich zu kümmern. Ein dickes, holländisches Motorboot passiert uns Richtung Schleuse. Und wir bitten Sie nicht um Hilfe, da wir ja denken, dass wir VNF schon benachrichtigt haben. Kurz vor der Schleuse dreht das große Motorboot und fährt auf uns zu. Die Holländerin ist sehr aufgeregt und motzt uns an, warum wir denn bei ihrer Vorbeifahrt nicht bereits um Hilfe gebeten hätten… wir entschuldigen uns 1000 mal aber das nützt nur ein bisschen. Mit einer langen Leine und viel Motorkraft ziehen sie an Mawi, es ruckelt und rumpelt heftig…Und tatsächlich: wir sind frei! Juhuu!!! Eineinhalb Stunden später als geplant kann die Fahrt weitergehen!
Wir schleusen zunächst mit den Holländern, (in den Canal lateral de l´Aisne), die das nicht so lustig finden, weil wir sie ja eh schon aufgehalten haben. In der zweiten Schleuse mit ihnen gemeinsam brauchen wir ewig, bis wir den oberen Poller treffen, (in der ersten Schleuse hat uns jemand von oben geholfen) . Birgit gelingt das nach vielen Versuchen bravourös, aber eigentlich müssten wir an eine Leiter. Das schlagen uns dann auch die Holländer vor – ob es nicht entspannter wäre, wenn wir alleine schleusen würden. Wir bedanken uns noch mal herzlich für unsere Rettung und sind sofort einverstanden.. Allerdings: Schleuse zwei und drei sind gemeinsam geschaltet, und man muss sie auch gemeinsam passieren. Ansonsten hockt man mal wieder da und muss VNF anrufen – so langsam sind wir bei denen bekannt wie bunteste Hunde :). Wieder 1 Stunde gewartet, wieder noch mal angerufen, offensichtlich war Mittagspause….
Di e weitere Fahrt ohne Probleme, schaffen wir es noch bis Reims, beziehungsweise etwas südlich nach Sillery in eine Marina? Da sind „nur“ noch drei Stadtschleusen zu bewältigen und die schließen um 18:00 Uhr…. wir gucken häufig auf die Uhr, ja, müsste gerade noch klappen. Wir fahren in die Stadt ein, dann macht sich zu guter letzt noch ein Paddlerpärchen einen Spaß daraus, uns zu ärgern. Sie paddeln vor uns her, wechseln immer die Seite und es gibt keine einzige Möglichkeit sie zu überholen. Ich werde richtig wütend und lasse meinen Tomaten und Eierwurfphantasien freien Lauf. Setze ich aber glücklicherweise nicht um. Stattdessen spreche ich sie an, aber sie tun so, als würden sie nichts hören… Was bleibt ist ein ewiges Hinterhergetucker und Fluchen! Wie zu erwarten: wir schaffen die drei Schleusen nicht mehr. Anlieger gibt es auch nicht viele und der alte Flußanleger von Reims wird gerade renoviert… Angeblich kann man für eine Nacht an der Baustelle anlegen und das tun wir dann auch! Noch „romantischer“ als am Vorabend…


Wie fast immer, fügt sich alles doch noch zum Guten – nach einer kurzen Erschöpfungsabschüttelpause raffen wir uns auf, um noch einen Blick auf die Stadt zu erhaschen und: sehen die Kathedrale in der Abendsonne!!! Das wäre ohne die ätzenden Paddler niemals geglückt (Danke!)! Wir sind völlig begeistert und gönnen uns mit diesem tollen Blick „Fish and Chips“! Köstlich!

29.5.2026
Nur drei Schleusen trennen uns von Sillery, wir stehen pünktlich um neun vor der ersten. Die hat es schon mal in sich und gibt uns das Gefühl, uns in einer Atlantikwelle zu bewegen. Wir haben beide von Schleusen gerade die Nase gestrichen voll !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!🤮🤢😮
Um 12:00 Uhr laufen wir in Sillery ein, die Franzosen, die ich schon aus Revin kenne, helfen beim Anlegen. Wie nett, dass die auch hier sind! Angenehme und entspannte Marina, Supermarkt nur 300 m entfernt – wir wollen den Tag für Infrastruktur nutzen: Boot schrubben, Waschmaschine waschen, Großeinkauf, Dusche. ..Unsere Retter sind inzwischen auch angekommen – wir bringen ihnen als Dankeschön ein paar Lindorkugeln vom Einkauf mit. Und endlich haben wir es geschafft – sie freuen sich und reden mit uns :)! Zu k.o. vom Vortag für größere Unternehmungen. Abends Baguette und Käse, morgen Pausentag.
30.5.2026
Wie wunderbar! Ein Pausentag! Morgens noch ein paar Arbeiten: Diesel nachfüllen, Seefilter sauber machen.. neuen Diesel in Kanistern von der Tankstelle holen (Mawi ist mit erstaunlich wenig Sprit zufrieden). Ein Franzose vom Boot gegenüber sieht uns mit Kanistern kommen und fährt uns tatsächlich mit dem Auto, großartig! Wieder bedanken wir uns mindestens 1000 mal!!!
Der Nachmittag gehört Reims! Wir fahren mit dem Bus ins Zentrum, trinken dort erst mal einen Kaffee, geraten in ein mittelalterliches Fest direkt vor der Kathedrale mit diversen Ständen und bewundern dann die Kathedrale von innen. Ich bin immer wieder erstaunt und überwältigt, wie großartig Menschen aufgrund ihres Glaubens Bauwerke errichten: Kirchen, Moscheen, Synagogen, aber auch hinduistische oder buddhistische Tempel – alle sind aufwändigst konstruiert, architektonisch zum Teil einzigartig…. um einen Raum der Stille, des Betens, der Spiritualität und der Einkehr zu schaffen und die Schöpfung zu ehren….
In der Kathedrale gefallen uns vor allem die Fenster von Chagall und wir setzen uns eine Weile davor.



Auf dem Platz davor treffen wir dann wieder auf mittelalterliche Musiker, schlendern weiter und finden einen anderen, sehr schönen Platz, wo wir eine Cola vor einem Fußballcafe trinken. Alle sind sehr aufgeregt, denn heute trifft Paris Saint-Germain auf Arsenal – wer gewinnt die Champions League? Bei unserer Cola kommen wir rasch ins Gespräch mit einer netten und sehr gestylten Senegalesin, und einem ebenfalls sehr netten Portugiesen, der seit längerem in Frankreich lebt. Beide sind sehr unterhaltsam, und der Portugiese verrät uns, dass er immer“Italian Boy“spielt und sich Marcello nennt :). Irgendwann verabschiedet sich die Senegalesin und tippelt bei dieser großen Hitze auf High Heels davon. Gut, dass ich solche Schuhe nicht besitze, damit könnte ich Krankenhausbesuche empfangen.
Eine Ecke weiter lädt mich Birgit auf ein Glas Champagner ein, schließlich sind wir in der Champagne!!!! Sehr lecker! Geht auch in Sandalen und Turnschuhen :)!

An der nächsten Ecke wartet das von uns ausgeguckte Restaurant, ein Familienbetrieb, laut unseren Recherchen sehr angesagt. Können wir nicht weiterempfehlen! Vorspeise aus der Dose, Fleisch zäh, Fisch, obwohl schon tot, nochmals gestorben: in Sauce ertrunken! Aber wie immer: wir lassen uns unsere guten Laune nicht nehmen. … an Bord ist das Essen ja wieder besser. Einen Bus zurück gibt es nicht, deswegen machen wir unseren Abendspaziergang zum Bahnhof und nehmen dort ein Taxi. Eine lustige Fahrt mit einem fußballbegeisterten Fahrer. Wir bekommen das spannende Elfmeterschießen zwischen Paris Saint-Germain und Arsenal im Radio zu hören und fiebern mit. Da wir in Frankreich sind, halten wir zu Paris. Und: Paris gewinnt!!!