Ich bin unterwegs nach Süden…

11.5.26

Hatte ja auf der langen Zugfahrt genügend Zeit zu denken – jetzt wieder gen Norden, wo die Schleusen offensichtlich immer offen sind… oder doch wieder gen Süden, wo sie wieder geöffnet sind? Gen Norden? Nein! – kommt eigentlich nicht in Frage…zu lange wollte ich das Mittelmeer erreichen…! Und ein Transport für soooo viel Geld? Auch nicht! Also nochmal umdrehen – meine Cousine fährt ganz schön hin und her 😂…

Nach dem wie immer köstlichen Croissant ordinaire (pas du beurre) Leinen los und Start, aber…Motor startet nicht. Orgelt herum, aber der Funke springt nicht über. Wir warten ein wenig und versuchen es noch einmal – Nichts! So eine Sch….! Motoröl ok, Diesel ok, Batteriespannung zumindest an der Anzeige ok, Kraftstofffilter ohne Wasserabscheidungen, keine Luft beim Entlüftungsversuch, mh! Mein ohnehin diesbezüglich schlechtes Latein ist am Ende! Wieder einmal Micha Weber (Danke!) aber während wir sprechen, springt der Motor an. Allerdings am Landstrom…aber immerhin! Inzwischen ist es 14.00, Starkregen ist angesagt und wir beschließen in Revin zu bleiben und erst am nächsten Tag weiter zu fahren. Mückes Reservetag ist damit weg! Regen kommt natürlich doch nicht und wir unternehmen einen netten Spaziergang durch den Tunnel des Hinweges per Boot. Abends Pizza! Lecker bei dieser Kälte! Die Eisheiligen haben voll zugeschlagen und ich habe vergessen zu erwähnen: in Revin war Glatteis auf dem Boot – nicht schön!..

12.5.26

Wie immer hoffe ich auf die Selbstheilungskräfte 😂… Leider ist das nie eine gute Idee, nur im Voodoo haben Gegenstände Seelen – ob das auch für Motoren gilt, weiß ich allerdings nicht, die gab es noch nicht! Motor springt also wieder nicht an. Der nette Niederländer vom „Blauen Raben“ nebenan checkt nochmal alles durch, findet aber auch nichts. Also Start mit Landstrom – das klappt gut😳! Wir brauchen folglich unbedingt einen Liegeplatz mit Strom und suchen uns Monthermé aus.

Beide finden wir uns mutig! Mücke, weil sie jetzt nach 2 Tagen mit Bodo ohne vorherige Schleusenerfahrung alles an Deck managen muss, ich, weil es das erste Mal ist, dass ich mit einer Bootsunerfahrenen unterwegs bin. Und wir haben mindestens 4 Schleusen vor uns! Meine Cousine entpuppt sich als beste Schleusenfahrerin ever!! Die erste hat einen Hub von 3,80m – bravurös gemeistert, die 2. heißt Ecluse De Ville, wird aber von uns in „Ecluse Devil“ umgetauft. Totale Waschmaschine! Auch diese meistern wir großartig und nach der „Devil“ kann uns nichts mehr schrecken, wir sind DAS Schleusenteam!

Und wir sind so früh in Monthermé, dass wir beschließen weiterzufahren…aber wo gibt´s Strom? Laut Karte in Joigny sur Meuse, etwa 12 km vor der Marina in Charlesville Mezière und nur 2 Schleusen entfernt.

Die vermeintliche Marina entpuppt sich als einfacher Holzanleger für ein einziges Boot, bisher offensichtlich ausschließlich von Gänsen und ihren Hinterlassenschaften frequentiert. Aber ein Stromsockel ist da, also legen wir an. Nach 2 Landleinen erstmal Steg säubern mit Unmengen von Maaswasser – schließlich wollen wir ohne Gänsekacke ein- und aussteigen können. Die Hälfte des Steges überlassen wir den Vögeln und ich erwäge ein entsprechendes Schuld aufzustellen: „Reservée aux oies / for geese only / reserviert für Gänse!“

Nachdem die 4. der probierten Stromdosen funktioniert gehen wir in das sehr kleine Dorf (627 Einwohner/Stand 2023), um den in unserer Karte beschriebenen Laden zu finden. Fast hätten wir diesen trotz Fragens übersehen, denn der Laden ist gleichzeitig Bäckerei, Lebensmittelladen, Post und Café und fungiert als geselliger Treffpunkt der Bewohner:innen.des Ortes. Sehr sympathisch dort! Wir kaufen die Tomaten auf (ansonsten gibt es an Gemüse nur nicht mehr brauchbare Paprikaschoten), und fragen nach Baguette am Folgetag… Aber: da hat der Laden leider geschlossen und uns wird eine Bäckerei in Nouzonville empfohlen. Wir erklären, dass wir auf einem Boot sind und dort nicht so schnell hinkommen. Ah – wir sind „Die auf dem Boot“ – wir waren schon gesichtet worden. und sind „Talk of the evening“….Wann legt hier schon ein Boot an? Einer der Dorfanwesenden bietet uns an, am nächsten Tag Baguette und Croissants zum Boot zu bringen! Wir können es kaum fassen….das ist ja soooo nett und freundlich! Ich frage mich, ob ich das auch für unbekannte Bootsreisende getan hätte – mh! Und nehme mir vor zu Reisenden, die ich in Berlin antreffe, (noch) hilfsbereiter zu sein.

Abends snacken wir Humus, Tomaten und was wir sonst noch so im Kühlschrank finden, sichern mein leider etwas undichtes Fenster vor weiterem Regen und bewundern den Abendhimmel.

könnte hübscher gedeckt sein…
lange konstruiert….
„Red in the night is the sailors delight“….mal schauen, ob´s stimmt!

13.5.26

Mücke geht schon ganz früh spazieren, ich erfreue mich am Kaffee, den sie immer vorbereitet, Ein wahrer Luxus morgens aufzustehen und der Kaffee ist fertig! Werde ich vermissen, bin morgens immer stark verlangsamt und eigentlich erst nach dem obligatorischen Koffein und Volumen blutdruckstabil und ansprechbar :)!

Und dann: pünktlich gegen halb 9 kommt ein sehr alter Mann (wahrscheinlich ein Verwandter des Menschen im Laden) auf den recht glitschigen Steg und bringt tatsächlich Baguette und Croissants🥖 🥐! Wir sind total begeistert! Wie supernett ist das denn!!?? Er hat Deutschland sicher nicht nur im Guten erlebt… Je älter ich werde, desto mehr denke ich, dass Erfahrungen , Geschichte, Familie und Erlerntes jede:n prägen und man/frau sich von ererbten Vorurteilen frei machen kann oder könnte! Dieser alte Mann ist bestimmt über einen Schatten gesprungen!

Es ist unser letzter gemeinsamer Fahrtag, das stimmt uns beide etwas traurig…Und: nur noch 2 Schleusen, wo wir doch gerade so im Schleusenflow sind!!! Wir starten ohne Landstrom – klappt wieder nicht 🥲 , mit Strom klappt es, und fahren dann recht zügig nach Charlesville-Mezière. Mücke ist jetzt ungefähr wieder dort, wo sie eingestiegen ist….hat also eine kleine Rundfahrt unternommen. Ich gewöhne mich langsam daran, dass ich diese Reise zeitlich nicht planen kann – wenn ich Zeit habe, fahre ich ein Stück, wenn nicht, muss das Boot irgendwo warten.

Marina in Charlesville Mezière

Bei der Anmeldung in der Marina bekomme ich eine Adresse von Technikern und beschließe dorthin zu Fuß zu gehen, auf Französisch zu telefonieren ist doch etwas heftig… Also laufe ich mit Google Maps etwas über 1 Stunde zu der angegebenen angeblichen Bootswerkstatt – ist aber für Autos zuständig. Ich erzähle die ganze Motorstory und es wird für mich in Pont-à-Bar angerufen und mir der Hörer in die Hand gedrückt. Also doch telefonieren :). Am anderen Ende der Leitung ist die Frau, bei der ich vor einer Woche die 6 Fender gekauft habe und sie erinnert sich sofort. Sie will sich kümmern! Und tatsächlich: als ich gerade in den Bus für den Rückweg einsteige, werde ich angerufen. Etwas kompliziert gleichzeitig ein Ticket zu kaufen und über den Motor auf französisch zu sprechen – der Busfahrer erinnert mich prompt daran, dass ich nicht „Bonjour“ gesagt habe. Erst als ich ihm erkläre, dass ich nicht soooo gut französisch kann und mich mit einem „Pardon“ entschuldige, wird er freundlicher.

Der Motormensch am anderen Ende der Leitung verspricht eine Lösung und siehe da: nach 10 Minuten ruft er nochmal an und sagt, dass in einer Stunde ein Restaurantbesitzer und sein Techniker kommen. Da muss ich mich ja schon beeilen!

Tatsächlich: pünktlichst nach exakt einer Stunde kommt der Besitzer eines Restaurantschiffes (La Bohème) und sein etwas mißmutig schauender Techniker samt Strommessgerät und Batterie vorbei. Aber – wie es immer so ist – Motor springt sofort an :). Dass es die Batterie ist, glauben die beiden nicht – ich auch nicht, aber eigentlich ist das ja nur ein Glaube… Die beiden gehen wieder, das Problem ist aber nicht behoben.

Letztes Abendessen mit Mücke und lange gequatscht – sehr schade, dass sie morgen abfährt.

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